Prospekt Altar Taufstein Kanzel Orgel  
Fenster Glocken Gestühl Kirchhof  

 Kleiner Führer durch die 

Lutherische Kirche

 in Radevormwald

 

 

Zur Geschichte der lutherischen Kirche

Schon bald nach der Reformation gab es – wohl schon in den 20-er Jahren des 16.  Jahrhunderts – evangelische Christen in Radevormwald, zunächst mehr in lutherischer als in reformierter Ausprägung. Nach der Gründung der reformierten Gemeinde im Jahr 1591 mussten die Lutheraner zum Gottesdienstbesuch den weiten Weg nach Remlingrade zurücklegen. Erst 1707 wurde mit der Genehmigung des Kirchbaus die Voraussetzung für eine selbstständige lutherische Gemeinde (ca. 1.200 Glieder) geschaffen.

Das frühere Gemeindesiegel, eine Eiche mit der Inschrift „Gedrückt nicht unterdrückt“, spiegelt noch die damaligen konfessionellen Auseinandersetzungen wider.

 

 

Die 1781/82 wegen des Wachstums der Gemeinde neu erbaute, erheblich vergrößerte lutherische Kirche wurde schon im Jahre 1802 bei einem verheerenden Stadtbrand ein Opfer der Flammen, nach zwei Jahren jedoch auf den stehen gebliebenen Mauern wieder erbaut. Die Geldmittel (8.483 Taler) hatte vor allem der lutherische Pfarrer Carl Immanuel Westhoff zusammen mit dem reformierten Pfarrer Peter Termetz auf einer Kollektenreise im Jahre 1803 beschafft, die sie bis nach Holland führte, wo sie allein in Amsterdam 10.394 Gulden für den Wiederaufbau beider Kirchen zusammenbekamen.

 

Die heutige Kirche

Die etwas von der üblichen Ost-West-Richtung abweichende Lage der Kirche rührt daher, dass der katholische Landesherr Kurfürst Johann Wilhelm („Jan Wellem“) 1707 die Bauerlaubnis mit der Auflage versehen hatte, die Kirche in gehöriger Entfernung von der katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche zu errichten. So war sie unmittelbar an die Stadtmauer geraten, die damals der heutigen Hohenfuhrstraße auf ihrer Südseite folgte.

Der rechteckige Grundkörper der Kirche trägt über dem Tonnengewölbe ein schiefer-gedecktes Mansarddach, aus dem an der Westseite ein Dachreiter mit dem Glockenstuhl ragt. Er hat die Form eines Zwiebelturms, dessen oberer und unterer Teil durch die Laterne getrennt wird. Ein vergoldeter Wetterhahn mit fast 4 m hohem Kreuz krönt die Kirchturmspitze über einer Kugel mit Dokumenten aus der Geschichte der Gemeinde. Auf dem Dach an der Ostseite befindet sich ein goldfarbener Posaunenengel – neben dem Wetterhahn eine zweite Windfahne. Die Ostseite wird von einem rechteckigen Anbau abgeschlossen, der die Sakristei umgibt. Die Längswände werden von je vier hohen, schmalen, mit Rundbogen abgeschlossenen Fenstern unterbrochen. Die Westseite enthält zwei gleiche Fenster, darüber Ovale, die Ostseite zwei sehr hoch angeordnete waagerechte Ovalfenster.

 

Seit 1997 sieht man auf der Südseite der Kirche eine Sonnenuhr (siehe Beschreibung im Anhang). Der Schatten des Zeigers zeigt mitteleuropäische Zeit, seine Länge den Stand der Sonne im Tierkreis des Sternenhimmels (bzw. den Monat im Jahr).

 

 

 

 

 

Die Tür an dieser Kirchenseite (Stadtseite) wurde früher bei festlichen Anlässen geöffnet, z. B. wenn die Konfirmanden zur Prüfung und Einsegnung einzogen, aber auch bei Beerdigungen, die von der Kirche zum Friedhof führten.

Tritt man durch den erst 1965 angebrachten Vorbau der Westseite in die Kirche, so wird der Blick zunächst auf die links und rechts angebrachten bleigefassten Glas- und schwarzen Marmortafeln gelenkt, die an die im letzten Krieg (1939 - 45) umgekommenen mehr als 300 Gemeindeangehörigen und an die 130 Toten des Ersten Weltkriegs (1914 - 18) erinnern. Sie mahnen zum Frieden.

Nach Durchschreiten der doppelflügligen Glastür wird der Blick des Besuchers zunächst einmal von den typisch bergisch angeordneten „drei Haupt-(Prinzipal-)stücken“ Altar, Kanzel und Orgel eingenommen, die in der lutherischen Kirche „ein geschlossenes Holzbauwerk in Form eines Erkers“ bilden (H.-J. Lorenz). Alle Teile, insbesondere die Orgel tragen reichen Schmuck.

Wenn wir uns umwenden, sehen wir rings um das Eingangs-Portal weitere (hölzerne) Ehrentafeln, die an die Gefallenen der Kriegsjahre 1815, 1866 und 1870 (Sedan) erinnern. Den nachdenklich gewordenen Besucher tröstet der Gedanke, dass die jetzt Lebenden auf eine Friedensdauer zurückblicken, die unserem Land so lange wie noch nie in den letzten zwei Jahrhunderten beschert war.

Wir wenden uns wieder dem Kircheninneren zu.

Die Kirche hat keinen Mittelgang, sondern Seitengänge, sodass sich die Gemeinde in der Art eines Prozessionsumgangs unmittelbar vor Altar und Kanzel versammeln kann. Die Gemeinde nutzt diese Gänge beim Abendmahl und bei Opferumgängen, z.B. am Erntedankfest, wenn die Gaben nicht an den Ausgängen eingesammelt, sondern direkt vor dem Altar in einen Korb gelegt werden.

Links und rechts am inneren Eingang befinden sich die Treppen zu den Emporen. Früher gingen diese steil nach oben. Beim Umbau der Kirche Mitte der 60er Jahre wurden die Treppen verbreitert und Vertischungen eingefügt, sodass Auf- und Abstieg bequemer geworden sind.

Es fällt auf, dass nicht nur Mittel- und Seitenschiffe recht eng mit Bänken bestellt sind, es gibt dazu noch ringsum Emporen. An den Längsseiten sind auch diese mit Bänken versehen. An der Schmalseite unter dem Turm liegt die Chor-Empore, die bestuhlt werden kann.

Die heutige Farbgebung der Kirche ist in Verbindung mit den Änderungsarbeiten beim Einbau von Orgel- und Heizungsanlage im Jahr 1980 entstanden. Auf Anregung von Mitgliedern des Presbyteriums, Pfarrern und Verwaltung entschied sich die Gemeinde für die heutigen Farben Weiß, Grün, Grau und partielle Vergoldungen (an Details der Prinzipalwand, der Brüstung und der Kapitelle der Säulen (s. Abb. oben: korinthisches Kapitell). Die ursprüngliche, außergewöhnliche Farbgebung in Weiß, Grau und Gold wurde damit ersetzt.

 

 

„Bergische Predigtkirche“ (Prinzipalwand)

Die lutherische Kirche entspricht dem Typ der „Bergischen Predigtkirche", deren Grundriss-Proportionen nach dem goldenen Schnitt ausgerichtet sind, sodass der Prediger von allen Seiten gut zu hören und zu sehen ist (H.-J. Lorenz). Im Volksmund sprach man von der „Bergischen Dreieinigkeit" und meinte damit, dass Altar (Sakrament), Kanzel (Wort) und Orgel (Kirchenmusik) gleichwertig der Verkündigung dienen.

Die gesamte Prinzipalwand (Altar, Kanzel und Orgel) ist mit reichem Schnitzwerk versehen und, wie die gesamte Kirche, in den stillen Farben Weiß, Grau und Grün gehalten; dazu sind partiell Vergoldungen aufgebracht. Sie steht als selbstständige Einheit in der Kirche und ist von unten durch innen liegende Treppen bis hinauf zur Orgel begehbar. In Höhe der Kanzel befindet sich ein Andachts- und Vorbereitungsraum, die Sakristei, die durch eine Tür und Fenster in dunklem Antikglas zum Kirchenraum hin abgeschirmt ist.

 

 

Der Altar

Der Altarbereich ist mit einem schlichten naturfarbenen handgeknüpften Teppich in barocker Formgebung ausgelegt, gefertigt von der Teppichmanufaktur Wolrad Specht in Wuppertal. Er wird von den liturgischen Farben Schwarz, Violett und Grün begrenzt (zur Symbolik der Farben s. u.). Vor dem Altar ist ein Medaillon eingeknüpft mit dem Kreuz als Mittelpunkt. Der Teppich begrenzt den Altarbereich würdig und unaufdringlich. Der zwei Stufen höher liegende rechteckige und geschlossene Altar hat an beiden Seiten Wände, die in schneckenförmigen Handläufen enden. Er trägt nur eine Decke und zum Abendmahl eine entsprechende Überdecke. Dafür ist der Blick frei auf eine vergoldete kranzförmige Schnitzerei. Zwei mächtige, versilberte Leuchter aus dem Jahre 1867 sind ein Geschenk der Königin-Witwe Elisabeth, der Gemahlin Friedrich-Wilhelms IV. In der Mitte des Altars befindet sich in einem halbrunden Rahmen ein Altarbild, das den gekreuzigten Christus zeigt und das nur in der Weihnachtszeit durch eine Darstellung des Weihnachtsgeschehens ersetzt wird. Das Kreuzigungsbild ist eine Stiftung der Konfirmanden des Jahres 1948 und von Herrn Schlüter gemalt, der 1945 als Vertriebener aus Schlesien nach Radevormwald kam. Neben dem Altarbild liegt auf einem Buchständer üblicherweise die aufgeschlagene Bibel, eine Schenkung des fast vier Jahrzehnte hier tätigen Pfarrers und Superintendenten Hermann Becker aus dem Jahre 1961. Die Kanzelbibel ist ein Geschenk der reformierten Schwestergemeinde aus dem Jahr 1966. Außer am Karfreitag trägt der Altar Blumenschmuck, der sich je nach Jahreszeit und Kirchenjahr ändert. Das alte silberne, nicht mehr benutzbare Abendmahlsgerät wurde durch schlichte neue Teile ersetzt.

 

 

Der Taufstein

Ursprünglich hatte die Gemeinde keinen Taufstein, sondern einen Silberteller und eine Zinnkanne. Bei Taufen stand dieses liturgische Gerät auf dem Altar. 1946 wurde der jetzige marmorne Taufstein von den Goldkonfirmanden gestiftet und stand, der geschilderten Einheit (Altar, Kanzel, Orgel) folgend, bis in die 80-er Jahre direkt vor dem Altar. Dann wurde er auf die Stadtseite neben eine Emporensäule versetzt. Nicht nur bei Taufen steht hier ein Leuchter mit der Osterkerze.

 

 

Die Kanzel

Unmittelbar über dem Altar befindet sich die Kanzel, die durch eine Treppe hinter der Prinzipalwand betreten wird. Auch die Kanzel, die einem Blätterkelch zu entspringen scheint, hat reiches Schnitzwerk, u. a. über Kreuz gebundene Stäbe, und wird vom Schalldeckel weit überragt. Dieser trägt am Rand nach unten einen geschnitzten, gerafften Vorhang mit goldenen Posamenten [Besatz]. Auf der Umrandung stand früher in erhabenen Lettern: “So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott.“ [2. Kor. 5, 20]. Der obere Kanzelteil ist wie eine Girlanden-Krone (s. Abb.: Detail) gestaltet. Die geschwungenen Bögen tragen das vergoldete Kreuz auf der Weltkugel. Für die entsprechenden Zeiten im Kirchenjahr stehen folgende schlicht-modern bestickte Antependien (auf naturfarbenem Grund korrespondierend mit Altardecke und Teppich) zur Verfügung:

- grün:               Wein und Ähren mit Kreuz (grün als Symbol für Leben, Saat, Hoffnung)

- violett:            Stern und Dornenkrone (violett als Symbol für Sehnsucht nach Licht und

                         Leben, Buße)

- schwarz:        Alpha und Omega (Anfangs- und Endbuchstabe des griechischen Alphabets)

                         mit Kreuz (schwarz als Symbol für Trauer, Finsternis, Tod)

- weiß:           Krippe und goldfarbene Krone (weiß als Symbol für Licht, Reinheit, Glanz,

                       Freude, Vollkommenheit)

- rot:              vier Kreuze um ein großes Kreuz (rot als Symbol für Feuer und Liebe

                      (des Hl. Geistes), Blut)

 

 

Die Orgel und der Orgelprospekt

Über dem Kanzeldeckel beginnt der spätbarocke Orgelprospekt [Vorderansicht der Orgel]. Während der darunter befindliche im klassizistischen Stil gebaute Bereich (Altar- und Kanzelebene) vor allem von Radevormwalder Handwerkern erst nach 1813 (nach dem Stadtbrand 1802 (s. o.)) geschaffen wurde, stammten die ursprüngliche Orgel (1780) von dem niederrheinischen Meister Abraham Itter (Duisburg) und der barocke, heute noch erhaltene Prospekt (1783) aus einer Kevelaer Kunsttischlerei. Orgel und Prospekt wurden ursprünglich für die Düsseldorfer Kreuzbrüderkirche hergestellt, die später während der Napoleonischen Kriege nur noch als Pferdestall Verwendung fand. Die durch den Stadtbrand sehr verarmte Gemeinde war daher äußerst dankbar, dass ihr per Dekret 1813 Orgel und Prospekt für nur 400 Taler zugeschlagen wurden.

Die zweistöckige Orgel wird getragen von vier großen trapezförmig angeordneten klassizistischen Holzsäulen mit Postamenten [Sockeln] und vergoldeten korinthischen Kapitellen. Ursprünglich wie Marmor bemalt, sind diese inzwischen weiß überstrichen worden. Der untere von einem Balustergeländer eingefasste kleinere Orgelteil, das Positiv, wird von zwei Karyatiden [menschliche Figuren als Halbstützen] flankiert (s. Abb.: linke Figur). Zwischen ihnen sind - in der Art von Flachreliefs - mit goldenen Bändern gehaltene Musik-

instrumente wie Geige und Horn mit Notenblatt (s. Abb.), Laute, Flöte und Fanfare eingeschnitzt. Wir sehen auch Lorbeerkränze und Girlanden in schlichter Schönheit bemalt. Der dreitürmige obere Teil wird bekrönt durch drei lebensgroße musizierende Barockfiguren: zwischen Horn  blasenden Engeln thront in der Mitte Harfe spielend König David.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die heutige Orgel hat insgesamt 1.857 Pfeifen und 29 Register, zwei Manuale und ein Pedal. Die sichtbaren Orgelpfeifen aus dem Jahr 1898 bestehen aus hellem 14-lötigen Zinn, sind also nicht künstlich patiniert, sondern ursprünglich glänzend. Die von der Werkstatt Karl Schuke in Berlin hergestellte Orgel wurde 1980 in den bestehenden Prospekt eingebaut; der Spieltisch befindet sich auf der rechten Seite (siehe rechte Abbildung: Aufgang). Die Vorgängerin, eine selten gebaute pneu-matische Röver-Orgel, war dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und wäre nur aufwändig zu reparieren gewesen. Außerdem gab es kaum einen Orgelbauer, der dazu in der Lage gewesen wäre. Deshalb entschied man sich für den Bau einer neuen Orgel.

 

 

Die Fenster

Die Fenster haben eine recht unglückliche Geschichte:

Die aus den Jahren 1855/56 stammenden Rundbogen-Gussfenster mit streng geometrischen Strukturen wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts durch bleigefasste, bunte Fenster ersetzt. Die ovalen Fenster an der Ostseite hatten darüber hinaus weiteren Ornamentschmuck. Sie wurden am Ende des letzten Krieges durch die Druckwirkung von Granateinschlägen in und um die Kirche größtenteils zerstört. Die Notverglasung wurde bei der Grundrestaurierung in den 60-er Jahren durch Fenster mit Rauten in lichtgrauer Antikverglasung ersetzt; dabei verschwanden auch die noch erhalten gebliebenen Ostfenster (das von einem Konfirmanden-Jahrgang 1950 gestiftete Buntfenster an der Westseite „Er ist unser Friede“ existiert allerdings noch heute). Bereits nach 30 Jahren waren die Einfassungen völlig verwittert, sodass die Kirche seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre vierten Fenster erhalten musste, die - durch Sicherheitsglas geschützt - von dem Radevormwalder Künstler Gerlach Bente entworfen, von der Fa. Derix (Taunusstein) hergestellt und am 30. 9. 2001 eingeweiht wurden. Die zwölf neuen Fenster bestehen aus je vier verschiedenfarbigen, von milchig weißem Opalglas umgebenen symbolischen Motiven.

 

Meditation zu den neuen Fenstern

„Wenn wir durch unsere Kirche gehen, ist es wie bei einer Prozession. Wir können an verschiedenen Stationen innehalten.

Wir kommen in die Kirche aus unseren Lebensbezügen, gehen zunächst unter den grünen Fenstern her. In ihnen entdecken wir Spuren des Lebens: Blattadern, Rindenmuster. - Grün ist die Farbe des Lebens und der Schöpfung.

Wir gehen weiter, um unseren Platz zu finden. Die blauen Fenster in der Mitte des Kirchenschiffes bescheinen unseren Weg. Blau, Violett - dunkle Farben: Diese Fenster symbolisieren Endlichkeit und Tod. In den Gläsern sehen wir gebrochene Linien – zerbrochene Lebenslinien !?

Wir gehen noch ein Stück weiter und wir schauen nach vorn: Altar – Kanzel – Orgel sind von leuchtenden goldgelben Scheiben umrahmt. Diese Fenster strahlen; sie zeigen uns Gottes Herrlichkeit; sie geben uns die Verheißung mit, dass wir auf unserem Weg nicht allein sind.

Wenn wir später aus der Kirche gehen, kommen wir noch einmal unter den blau-violetten Fenstern entlang. Traurigkeit, Sorge wird manchen von uns begleiten. Doch in den blau-violetten Gläsern schimmert auch das Rot der Liebe!

Gestärkt und zuversichtlich gehen wir unter den grünen Fenstern aus der Kirche hinaus – in unser Alltagsleben. Grün ist auch die Farbe der Hoffnung. Und erinnern wir uns an die Lebensspuren in den grünen Scheiben!“ (Katrin Weber)

 

 

Die Glocken

Die Kirchengemeinde hatte 1902 neue Glocken aus Gussstahl angeschafft. Sie entgingen daher der Ablieferung und dem Einschmelzen in beiden Kriegen. Sie überstanden auch die Granat-Einschläge am Ende des letzten Krieges. Unser Heimatkundler Wilhelm Regeniter schreibt 1936 in seinem Buch „Radevormwald“: „Wohl kaum eine bergische Stadt besitzt in der Gesamtwirkung ihres Glockenklanges ein so schön klingendes und harmonisches Geläute wie unsere Heimatstadt.“ Trotzdem wurden sie 1965 durch neue Bronzeglocken ersetzt, weil ihr Klang „nicht harmonisch zu dem der anderen war“, die allesamt nach 1945 erneuert worden sind.

Am Samstagabend macht es großen Eindruck, wenn alle Glocken der vier Kirchen unserer Stadt gleichzeitig den Sonntag einläuten. In der Heiligen Nacht und der Silvesternacht erklingt das Gesamtgeläut aller Kirchen eine ganze Stunde.

Das Geläut besteht aus vier Glocken mit den Tönen fis’, a’, h’ und cis’; sie haben Gewichte von 890, 613, 443 und 274 kg und die Inschriften (in Unzial-Majuskeln):

 

- Gebt unserm Gott die Ehre! 5.Mose 32,3

 

- O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Jer. 22, 29

 

- Darum wachet, denn ihr wisset nicht, welche Stunde euer Herr kommen wird. Matth. 24,42

 

- Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. Psalm 106,1.

 

Das Viergeläut wurde von der Fa. Gebr. Rincker in Sinn gegossen. Das Abnahmegutachten vermerkt: „das gesamte Bild der sog. Klinger (wurde) als vollendet rein befunden (...) und (stellt) damit einen höchst seltenen Fall dar (...), der der Gießerei zu höchster Ehre gereicht.“

Die Glocken konnten allerdings erst eingebaut werden, nachdem man die von einheimischen Bauern 1803 gespendeten, aus massiven Eichen bestehenden beiden Stützen (in einer Länge von fast 14 m!) durch solche aus Beton ersetzt hatte: der Zahn der Zeit hatte mächtig an den alten genagt. Die Kirche erhielt damals (1965) auch einen neuen Dachreiter.

 

 

Gestühl und Leuchter

Bei der letzten großen Renovierung wurden neue Kirchenbänke angeschafft, die zwar für manchen immer noch nicht bequem sein mögen, gegenüber den alten Bänken aber sehr viel mehr Sitzkomfort bieten. Dadurch verringerte sich die Zahl der Sitzplätze. Im alten Gestühl waren in den Gesangbuch-Ablagen Nummern eingeschnitzt. Viele Gemeindeglieder hatten „ihre“ Plätze. Sie wurden früher käuflich erworben und waren damit eine Einnahmequelle der Gemeinde (Kirchensteuer gab es damals noch nicht). Dass die Kirche im Bergischen Land steht, zeigt sich auch bei der Wahl des Holzes: einheimische Eiche in einem mittleren Beizton.

Die Kirche hat eine unaufdringliche, wenn auch lichttechnisch nicht ganz befriedigende moderne Beleuchtung erhalten. Die großen Glaszylinder an den Hängeleuchten wurden aus Sicherheitsgründen wieder entfernt, nachdem beim Kollektieren, damals noch mit Klingelbeuteln an langen Stangen, solch ein Teil zerbrochen war. Vordem hatten Kristalllüster die Kirche erhellt, sie wurden bei Kriegsende teilweise zerstört.

 

 

Kirchhof

Rings um die Kirche ist noch andeutungsweise der frühere Kirchhof zu erkennen. Außer einigen Grabplatten und Grabsteinen an der Nordseite erinnern auch die beiden Grab-(Denk-)male der Pfr. Carl Immanuel Westhoff (Pfarrdienst von 1797 - 1840) und Andreas Natorp (Pfarrdienst von 1890 - 1923) neben der Sakristei (Ostseite) daran.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite war früher der lutherische Friedhof. Er ist aufgelassen und in dem Park „Parc de Chateaubriand“ aufgegangen. Besonders aus dieser Perspektive hat man einen schönen Blick auf die Kirche.

 

 

Stand: 14. 10. 1999 /Januar 2005

 

Text:: Dr. Rudi Giersiepen und Günter Künz, 1999

Überarbeitung Januar 2005 durch Dietrich Hoffmann (unter Berücksichtigung der Forschungsergebnisse vor allem von Prof. H. Hulverscheidt und Prof. Dr. H.-J. Lorenz (Orgelbau und Orgelbaugeschichte))

Fotos: Dietrich Hoffmann; Stefanie Weber (korinthisches Kapitell, Detail der Girlandenkrone)

 

 

Dokumenten- und Literaturverzeichnis

ARL (Archiv der Ev.-luth. Kirchengemeinde)

Hashagen, Justus, Narr, Karl, Rees, Wilhelm und Strutz, Edmund: Bergische Geschichte, Remscheid 1958

Hulverscheidt, Hans: Die Orgeln in der lutherischen Kirche in Radevormwald - Aus den Archivalien der Gemeinde zusammengestellt, maschinenschriftl. Manuskript v. 18. 5. 1977

Lorenz, Heinz-Jürgen: Drei evangelische Kirchen zu Remlingrade, Radevormwald, lutherisch und reformiert – Innenarchitektur und die Restaurierung des Raumes im 20. Jahrhundert, Radevormwald 2001 (BGV Heft 11)

Ders.: Die Innenarchitektur der bergischen Predigtkirchen vom Barock bis zum Klassizismus und ihre Restaurierung im 20. Jahrhundert. Unter der besonderen Berücksichtigung des Kirchenkreises Lennep (Beiträge der Forschungsstelle für Architekturgeschichte und Denkmalpflege der Bergischen Universität Wuppertal, 12), Radevormwald Selbstverlag 2002

Natorp, Andreas: Eine Festschrift zur Feier des 200jährigen Bestehens der Gemeinde, Radevormwald 1907

Ders. u. andere: Festschrift zur Feier des 250jährigen Bestehens der Gemeinde [überarbeitete und erweiterte Fassung], Radevormwald 1957

Regeniter, Wilhelm: Radevormwald (Bilder aus dem Volkstum und Volksleben der Gemeinde Radevormwald), Radevormwald 1937

Sachwissen Religion, hg. v. Hans Freudenberg und Klaus Gossmann, Göttingen 2001 [zur Symbolik der liturgischen Farben]

 

 

 

 Anhang

Die Sonnenuhr an der Südostwand der lutherischen Kirche zu Radevormwald (Text und Zeichnungen: Dr. Rudi Giersiepen)

 

Seit 1997 trägt die lutherische Kirche an ihrer dem Marktplatz zugewandten Seite eine „vertikal abweichende" Sonnenuhr. „Vertikal", weil sie an einer vertikalen Wand angebracht ist, „abweichend", weil die Längsachse der Kirche nicht genau von Ost nach West weist, sondern, entsprechend dem Straßenverlauf, um 40° gegen den Uhrzeiger abweicht. Der Schattenstab (das „Gnomon") zeigt in seiner Verlängerung von unten nach oben zum Himmelsnordpol (zum Polarstern); seine Schattenlinien werden vom Gitternetz darunter beschrieben: Die Strahlen (mit ihrem Ursprung im Fußpunkt des Schattenzeigers) zeigen die Stunden, die sie kreuzenden Linien zeigen den Schattenpunkt der Kugel (auf dem Gnomon) im Verlauf des Jahres. Dargestellt sind die Kurven des Schattenpunktes für die Tage, an denen die Sonne in ein neues Tierkreiszeichen eintritt. Die oberste zeigt also den Schatten-Verlauf eines Tages zur Wintersonnenwende im Dezember, die unterste den zur Sommersonnenwende am 21. Juni.

Die gerade von links nach rechts fallende Linie zeigt den Schattenverlauf der Kugel auf dem Gnomon zu Frühlings- und Herbstanfang (Widder-Waage-Linie). Der Schatten fällt senkrecht, wenn in Radevormwald die Sonne ihren Höchststand hat (sie „kulminiert“): dann ist hier „wahrer Mittag“ (XII). Dieser Zeitpunkt spielte bis zur Vereinheitlichung der Zeit im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Eisenbahn eine bestimmende Rolle.

Aufmerksame Beobachter werden zumeist beim Uhrenvergleich mit ihrer eigenen Uhr Abweichungen der Zeitanzeige auf der Sonnenuhr feststellen, die im Jahresverlauf bis gut eine Viertelstunde betragen können. Dies liegt einmal daran, dass die Erde sich auf einer Ellipse um die Sonne bewegt und dabei berechenbare Schwankungen der Tageslänge verursacht (nach den von Kepler gefundenen Gesetzen), zum anderen, weil ihre Achse gegen die Ebene ihrer Bewegung um die Sonne geneigt ist (ca. 23,5°). Beide Abweichungen sind regelmäßig und lassen sich auf einer Sonnenuhr durch eine Korrekturkurve („Zeitgleichung" genannt) berücksichtigen. Die richtige Anzeige der mitteleuropäischen Zeit würde im ersten Halbjahr statt der Stundenstrahlen gekrümmte Linien nach Abb. 2 verlangen. Im zweiten Halbjahr müssten sie ausgewechselt werden gegen Kurven nach Abb. 3.

Damit würde die Anzeige von Sonnenuhren bei präziser Ausführung minutengenau, aller-dings müsste für diese Anpassung in 7 m Höhe jedes Mal ein Gerüst aufgebaut werden (zwei weitere Male wegen Sommer- und Winterzeit).

 

Diese Sonnenuhr trägt auf dem 12-Uhr-Strahl eine Zeitgleichungskurve für das ganze Jahr, die eine Abschätzung der Abweichungen der Anzeige von der mitteleuropäischen Zeit über das Jahr auch für die anderen Tagesstunden zulässt. Ein kleiner Pfeil (Abb. 1) deutet den Kurvenast des ersten Halbjahres an (vgl. Abb. 1, 2 u. 3).

Auf den Wechsel der Anzeige nach Sommer- und Winterzeit wurde bewusst verzichtet: sie zeigt ganzjährig mitteleuropäische Zeit an, im Sommer eine Stunde zu wenig. Man kann erkennen, dass in Radevormwald zur Sommerzeit die Sonne erst gegen 13.30 Uhr ihren Höchststand erreicht.

Das Bergische Land gehört bekanntlich zu den sonnenärmsten Gegenden in Deutschland; vermutlich gibt es deswegen - auch aus früherer Zeit - kaum eine Sonnenuhr in unserer Gegend. Dennoch müssen auch bei uns vor dem Anschluss unserer Stadt an das Eisenbahnnetz vor mehr als 100 Jahren gelegentlich die Uhren richtig eingestellt worden sein, sogar die Kirchturmuhr.

 

 

Diese Sonnenuhr wurde gerechnet, hergestellt und der Gemeinde übereignet von

 

Dr. Rudi Giersiepen und Fa. Zilgalvis.

 

 

Namensgebung

Durch Beschluss des Presbyteriums vom 11. März 2008 nennt sich unsere Kirche jetzt Lutherische Kirche